Großes Interesse am Thema Auswanderung aus Baden und Nordrach im 19.Jahrhundert
Am vergangenen Samstag fand im Nordracher Bürgerhaus der 14. Nordracher Geschichtstag statt. Dr. Heinrich Schwendemann aus Steinach berichtete vor rund einhundert Besuchern über die Auswanderungswellen in Baden im 19. Jahrhundert. Das Vereinsmitglied Reinhard Holz aus Gengenbach skizzierte die Auswanderung der Brüder Ficht aus Nordrach.

Dr. Heinrich Schwendemann ist in Zell a. H. geboren und in Steinach aufgewachsen, wo er heute noch wohnt. Er ist promovierter Historiker und hat bis zur Pensionierung an der Uni Freiburg geforscht und gelehrt.
In seinem fast einstündigen Vortrag beleuchtete er das Phänomen der Auswanderung in Mitteleuropa, vorwiegend in Süddeutschland. Bereits zu Beginn des 18. Jh. wanderten Bewohner der Pfalz in die USA aus, Gründe: Franzosenkriege und wirtschaftliche Not wegen Missernten. Bis 1750 folgten ihnen religiöse Minderheiten, Mennoniten und Pietisten aus ganz Süddeutschland.
Im 19. Jh. gab es mehrere Auswanderungswellen aus den deutschen Ländern: 1816/17 und 1832/33, insgesamt 400.000 Menschen. In den Jahren 1840 -1949 waren es 480.000 Menschen, 1850-1859 mehr als 1 Mill. und bis 1914 folgten ihnen weitere 4,3 Mill. Menschen. Insgesamt waren es zwischen 5 und 6 Mill. in 100 Jahren, davon wanderten 90 % in die USA aus. Bis 1890 zogen ganze Familien in die neue Welt, danach dominierte die Einzelauswanderung.
Aus Übersee kam eine Flut an Informationen: Bücher, Broschüren und Zeitungen beschrieben das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Schifffahrtslinien warben mit günstigen Preisen, Auswanderervereine wurden gegründet. Vor allem in den Briefen der bereits ausgewanderten Familienmitglieder kamen Informationen, oft auch sehr kritische, manche hatten mehr Glück.
Wer wanderte aus? Kleinbauern und Hofbauernkinder ohne Erbaussichten, Handwerker, darunter viele Schuhmacher, Tagelöhner, Gesinde, ledige Personen, vor allem junge ledige Frauen sowie Dorfarme.
Für die Finanzierung der Überfahrt gab es folgende Möglichkeiten: Verkauf des persönlichen Besitzes und Unterstützung durch Verwandte. Bis 1819 konnten auch mittels Agenten mit amerikanischen Dienstherren Arbeitsverträge abgeschlossen werden. DerAuswanderer verpflichtete sich für mehrere Jahre für die Bezahlung der Überfahrt. So konnten auch mittellose Arme auswandern. Nachteil: eine neue Form der Leibeigenschaft.
Die Transportwege der Auswanderer: Zunächst mit der Eisenbahn nach Le Havre und Antwerpen, später Bremerhaven. Für die Überfahrt in die USA wurden zunächst Segelschiffe benutzt. Bis 1830 mussten bis zu 1.000 Menschen auf den Zwischendecks verbringen. Die Fahrtdauer betrug bis zu zwei Monaten. Unter diesen Bedingungen starben 10 % der Menschen auf der Überfahrt, in schlimmen Fällen bis zu 50 %, vor allem Kinder.

Seit den 1840er Jahren kamen größer Segler, Schnellsegler und Dampfschiffe zum Einsatz, wodurch die Überfahrt auf drei Wochen verkürzt werden konnte.
Im Großherzogtum Baden lag der Höhepunkt der Auswanderung zwischen 1845 und 1855 mit insgesamt 134.000 Auswanderern, rund 10 % der Bevölkerung verließ das Land. Die Gründe: Starkes Wachstum der Bevölkerung, die Nahrungsmittelproduktion konnte nicht mithalten, das Handwerk war überbesetzt und es gab zu wenig Industrie. Schlechte Ernten und Überschuldung trafen vor allem die Menschen im Schwarzwald und seinen Randgebieten, ein Drittel der Bevölkerung lebte am Rand des Existenzminimums.
Baden ist der erste Staat, der die Auswanderung regulierte. Ab 1833 benötigten Auswanderungsagenten eine Konzession. Die Auswanderung musste beantragt werden und wurde öffentlich bekannt gemacht, um Gläubiger zu informieren. Eine Erklärung auf Verzicht des Bürgerrechts war abzugeben, dann erst konnte der Ausreisepass ausgestellt werden. Baden ist auch der einzige Staat, der 1849 ein Programm zur Förderung der Auswanderung auflegte. Begründung: Bewohner vieler Gemeinden könnten sich nicht mehr „ehrlich ernähren, wirksame Beihilfe nur durch eine massenhafte Auswanderung“. Der Staat zahlte die Überfahrt der bedürftigen Ausreisewilligen, seine Ausgaben beliefen sich zwischen 1850 und 1855 auf insgesamt 1,6 Mill. Gulden.
In Nordrach Fabrik war die Not besonders groß. Mehr als 400 Menschen wohnten hier, darunter viele, die früher die Höhenhöfe auf dem klösterlichen Gebiet bewirtschaftet hatten und diese verlassen mussten. Ein Vertreter des “Großherzogen Arears“ schloss 1851 mit den Handelsleuten „Gebrüder Walter und Reinhard“ einen Vertrag des Inhalts, 80-90 Personen aus Fabrik Nordrach von Mannheim über Bremen nach New York zu befördern, auch diese begleiten zu lassen. Sie erhielten Geld für den Transport, Verpflegung und Unterstützungsgeld an die Auswanderer nach ihrer Ankunft in New York. Die Auswanderung erfolgte dann aber erst im Jahr 1852, weitere 39 Personen kamen noch hinzu.
In den 1860er Jahren gingen die Auswandererzahlen zurück. Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Baden verbesserten sich und die staatliche Unterstützung der Ausreisewilligen entfiel, da das Ziel der Auswandererzahl erreicht war. Aus Baden wandern zwischen 1880 und 1911 aber immer noch 113.000 Personen aus, darunter waren auch die Brüder Ficht aus Nordrach, deren Leben im zweiten Teil des Geschichtstags beschrieben wurde.

Das Foto zeigte den ungefähr 25jährigen Barnabas als stolzen jungen Mann in eleganter Kleidung. Das Foto ist als Postkarte gedruckt und diente Barnabas vielleicht als Visitenkarte. 
Das Bild zeigt das Hochzeitsfoto des 27jährigen Fridolin Ficht mit seiner erst 18 Jahre alten Braut Justina Hoferer in Nordrach.1894 
Familie mit Musikinstrumenten 1914 
Die Grabsteine von Michael und Fridolin Ficht


